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Lieder gegen Faschismus und Krieg
Auf Einladung der KPL las die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in Differdingen aus ihren »Erinnerungen« und musizierte mit der Rap-Band Microphone Mafia
Die letzte Überlebende des »Mädchenorchesters« von Auschwitz, Esther Bejarano, und die Kölner Rap-Band Microphone Mafia bildeten am 29. April den kulturellen Auftakt einer Veranstaltungsreihe, mit der die Kommunistische Partei Luxemburgs den 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus begeht. Zur Lesung aus Esther Bejaranos 2013 im Hamburger Laika-Verlag erschienenen Buch »Erinnerungen« und dem anschließenden Konzert mit ihrem Sohn Joram und Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia waren 120 Besucher ins Kulturzentrum Marcel Noppeney nach Differdingen-Oberkorn gekommen.
»Die KPL war nicht die einzige Resistenzgruppe während der Okkupation Luxemburgs durch das faschistische Deutschland, aber sie war die einzige politische Partei, die es abgelehnt hat, sich aufzulösen, wie die Nazis das gefordert hatten, und die von Anfang an in der Illegalität gearbeitet und Widerstand geleistet hat«, erinnerte ihr Präsident Ali Ruckert in seiner Einleitungsrede. Für die KPL gelte der Schwur von Buchenwald, den 21.000 Überlebende des Konzentrationslagers nach ihrer Selbstbefreiung in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache vortrugen, und insbesondere die Losung »Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!« bis heute, wenn leider mit Brecht festzustellen sei: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«.

Bevor die 1924 im saarländischen Saarlouis geborene Esther Bejarano berichtete, wie die Nazis sie im Frühjahr 1943 in einen Viehwaggon eingepfercht ins Vernichtungslager Auschwitz deportierten, wo ihr musikalisches Talent ihr das Leben rettete, wie sie wegen ihrer »arischen« Großmutter ins Frauen-KZ Ravensbrück verlegt wurde, wo sie Zwangsarbeit für Siemens leisten mußte, und wo es ihr schließlich zusammen mit Freundinnen gelang, sich von einem Todesmarsch abzusetzen, gab MemoShoah-Präsident Henri Juda eine bewegende persönliche Erklärung in Erinnerung an die Trierer Widerstandskämpferin Orli Torgau ab. Die kommunistische Verkäuferin wurde 1936 mit Hans Eiden, ihren Brüdern Willi und Fritz und 32 weiteren Kommunisten verhaftet, weil sie Flugblätter gegen Hitlers Kriegsrüstung verteilt und antifaschistisches Propagandamaterial, das aus Prag, Luxemburg oder Frankreich nach Trier geschmuggelt wurde, umgeschlagen hatten. Wegen ihrer Hilfsbereitschaft als sogenannter Funktionshäftling im Häftlingskrankenbau des KZ war sie als »Engel von Auschwitz« bekannt. »Nicht nur meiner Mutter rettete Orli Torgau das Leben«, berichtete Henri Juda.
Als sich Kutlu Yurtseven und Joram Bejarano links und rechts von der zierlichen, kleinen Neunzigjährigen auf die Bühne stellten, wurde es »laut«, wie der türkischstämmige Lehrer, der sich in erster Linie als Kölner sieht, dem Konzert mit den ersten Bässen vorwegschickte. Krankheitsbedingt war ihr italienischstämmiger Bandkollege Rosario Pennino am Rhein geblieben. Und so sangen und rappten Kutlu, Joram und Esther zu dritt – auf Jiddisch, Türkisch, Italienisch, Deutsch und Französisch. Dem Anlaß entsprechend dominierten antifaschistische Partisanen- und Antikriegslieder, die von der Gruppe neu interpretiert wurden. Höhepunkte waren das jiddische Partisanenlied »Mir lebn ejbig« und das von der Wahlhamburgerin Esther auf Kölsch mitgesungene »Wann jeiht d´r Himmel widder op?«.
Am kommenden Samstag, dem 70. Jahrestag des 9. Mai 1945, veranstaltet die KPL am russisch-sowjetischen Ehrenmal auf dem Friedhof in Esch-Lallingen eine Gedenkfeier. Anschließend werden Blumen am Grab des 1942 von den Nazis ermordeten KPL-Präsidenten Zénon Bernard niedergelegt. Am 13. Mai endet die Veranstaltungsreihe mit einem Rundtischgespräch über den Zweiten Weltkrieg.






