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Vor 70 Jahren starb Maus Demuth

Aktivistin der »Roten Hilfe«, Mitglied des Zentralkomitees der KPL und Resistenzlerin der ersten Stunde

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05/08/2015

Maus (Maria) Demuth gehörte zu jenen, die die Gefahr des Faschismus erkannten, noch bevor die deutschen Faschi­sten am 10. Mai 1940 Luxemburg besetzten. Sie war im Jahr 1935 in die Kommunistische Partei Luxemburgs eingetreten und war insbesondere in der »Roten Hilfe« tätig. Die Aktivitäten dieser Hilfsorganisation, deren Luxemburger Sektion im Jahre 1924 gegründet worden war, bestanden darin, politischen Flüchtlingen, die vor dem faschistischen Terror aus Bulgarien, Italien, Polen und Ungarn geflohen waren, mit Essen, Kleidung und Geld zu helfen und sie, sofern sie nach Frankreich oder Belgien weiter wollten, sicher über die Grenze nach Audun-le-Tiche, Hussigny, Herserange oder Athus zu bringen. Umfangreicher wurden die Aktivitäten noch, als Hitler im Januar 1933 mit Hilfe des deutschen Finanz- und Großkapitals an die Macht kam und viele deutsche Antifaschisten sich ins Ausland retteten.

Zentrale Anlaufstelle der »Roten Hilfe« war die Wohnung von Beby und Zénon Bernard in der Rue de l’Industrie in Esch/Alzette (die heutige Zénon-Bernard-Straße). Bis dorthin hatte Maus, die im Mai 1906 in Wilwerwiltz geboren wurde, es nicht weit, denn sie wohnte gleichfalls in Esch, auf Nummer 50 in der Rue d’Audun-le-Tiche.

Nach dem Putsch der faschistischen Generäle Sanjurjo, Mola und Franco gegen die Spanische Republik am 18. Juli 1936 spielte die »Rote Hilfe«, die unter der Leitung von Beby Bernard, Maus ­Demuth, Franz Ewen, Michel Malget, Antoine Schroeder, Eugène Thomé und Claire Urbany arbeitete, eine wichtige Rolle bei der Gründung des »Comité de coordination pour l’aide à l’Espagne Républicaine« und 1937 beim Zustandekommen des »Comité de secours pour l’aide aux orphelins de guerre espagnols«. Auch hier ging es darum, den Opfern des faschistischen Putsches Hilfe zu leisten.

Als Hitlerdeutschland Luxemburg am 10. Mai 1940 besetzte und die politischen Parteien verboten wurden, beschloss die KPL – anders als die bürgerlichen Parteien und die sozialistische Arbeiterpartei – ihre Aktivitäten im Untergrund fortzusetzen und antifaschistischen Widerstand zu leisten. Wie viele andere Kommunisten wurde Maus Demuth, die Mitglied des Zentralkomitees der KPL war, jedoch bereits im Herbst 1940 von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Diese erste Verhaftungswelle gegen die KPL war darauf zurückzuführen, dass die Gestapo auf das Archiv der Luxemburger Polizei zurückgreifen konnte, das beim Einmarsch der Nazis nicht vernichtet worden war und in dem Namen und Adressen von vielen Kommunisten zu finden waren, hatte die Polizei doch die KPL im Auftrag der Regierung systematisch bespitzelt.

Maus Demuth wurde jedoch nach zwei Wochen aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen und nahm ihre Aktivitäten in der illegalen KPL wieder auf.

Sie leistete Kurierdienste, verteilte antinazistische Flugblätter, klebte Handzettel, sammelte Gelder und Kleidung für die Familien der verhafteten Genossen und half ab Februar 1941 bei der Verbreitung der illegalen Zeitung der KPL »Die Wahrheit«.

Am 5. August 1942 führten die Nazis auf besonderen Führerbefehl eine großangelegte Razzia gegen die KPL durch. Ziel war es, in Vorbereitung der geplanten Zwangsrekrutierung Luxemburger Jugendlicher für die deutsche Wehrmacht die kommunistische Partei, die großen Einfluß unter den Industriearbeitern im Süden des Landes hatte, zu zerschlagen.

Der Gestapo, die bei der Razzia durch SS-Einheiten und Wehrmachtsverbände verstärkt wurde, gelang es an jenem 5. August, 63 Mitglieder der kommunistischen Resistenz zu verhaften, darunter auch Maus Demuth.

Wie viele andere wurde Maus erst in die Villa Seligmann, den Sitz der Gestapo in Esch/Alzette gebracht, wo die Verhafteten verhört und geschlagen wurden, um Geständnisse über die KPL und deren »Rädelsführer« aus ihnen herauszupressen.

Dann wurde sie ins Grund-Gefängnis nach Luxemburg überführt, bevor sie – anders als die meisten ihrer Genossen, die im Konzentrationslager Hinzert eingesperrt wurden – in Trier inhaftiert wurde.

Nach fünf Monaten Einzelhaft in Trier wurde sie zusammen mit sechs anderen Luxemburger Resistenzlerinnen, darunter Maggy Moes-Offermann, die gleichfalls im kommunistischen Widerstand gearbeitet hatte, über mehrere Etappen, die fast zwei Monate in Anspruch nahmen, ins Konzentrationslager Ravensbrück bei Berlin, das größte deutsche faschistische Frauen-Konzentrationslager, gebracht.
Die überwiegende Mehrheit der SS-Aufseherinnen benahm sich brutal und unmenschlich, schlug und tötete erbarmungslos und verhängte grausame Strafen für die geringsten »Vergehen« der Häftlinge gegen die »Lagerordnung«.

Das Konzentrationslager war überfüllt, bis zu sechs Frauen mussten sich oft eine Pritsche teilen, Tausende hatten überhaupt keinen Schlafplatz. Alle litten Hunger und Tausende starben an Unterernährung, denn die Ernährung der KZ-Häftlinge in Ravensbrück bestand für 24 Stunden aus einem Becher schwarzem, ungesüßtem Ersatzkaffe, einem halben Liter dünner Suppe, hergestellt aus teils verfaulten Steck­rüben oder Kartoffeln, und
200 Gramm Brot.

Durch die vielen Entbehrungen, Hunger, Kälte und Schlaflosigkeit stark geschwächt, zog Maus sich ein Lungenleiden zu und kam auf das Krankenrevier.

Nicht heilen, sondern töten war auch im Krankenrevier die von SS-Schwestern und Ärzten übernommene Aufgabe.
Als die Rote Armee immer näher rückte, wurde Maus Demuth, zusammen mit weiteren 8.000 Frauen, die sich als Zwangsarbeiterinnen kaputt gearbeitet hatten, halb verhungert oder todkrank waren, von den Nazis auf einen Todesmarsch Richtung Vernichtungslager Lublin gezwungen, wo sie vergast werden sollten. Die einen wurden wie Vieh auf Lastwagen geworfen, die anderen, die noch gehen konnten, mussten zu Fuß laufen, unter ihnen auch Maus.

Doch weil die Hitlerarmeen unter den Schlägen der Roten Armee immer weiter zurückweichen mussten, kamen die Frauen nur bis Auschwitz-Birkenau. »Hier half unserer Maisy eine junge deutsche Antifaschistin, die während des Krieges bis zu ihrer Festnahme illegales Material von Trier nach Luxemburg brachte. Diese Freundin, eine Entla­stungs­zeugin im Prozeß gegen Zénon Bernard (der von den Nazis verhaftete KPL-Präsident) war Orly Reichert. Sie erkannte Maisy und sorgte dafür, dass die kranke Luxemburgerin aus der Todes­selektion gerettet wurde«, erinnerte sich später Maggy Moes-Offermann (»Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek« vom 11. Mai 1985.

Zusammen mit mehreren tausend Frauen wurde Maus Demuth zurück nach Ravensbrück gebracht, wo die Nazis im Februar 1945 eine provisorische Gaskammer errichtet hatten, in der bis März 1945 bis zu 2.400 Häftlinge ermordet wurden.

Als die sowjetischen Truppen immer näher kamen, entschieden die Nazis einerseits, möglichst viele Häftlinge zu töten, andererseits erteilten sie dem Schwedischen Roten Kreuz Anfang April 1945 die Genehmigung, 7.500 Häftlinge, die vorwiegend aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich, Belgien, Holland, der Tschechoslowakei und Polen stammten, in die Schweiz und nach Schweden zu evakuieren. Zu den Frauen, die nach Schweden kamen, gehörte auch Maus Demuth, deren Tuberkulose zu diesem Zeitpunkt bereits weit fortgeschritten war. Sie wurde während zwei Monaten in Stockholm behandelt, bevor sie sich zu ihrer letzten Reise nach Luxemburg aufmachte, um ihren Mann und ihre Tochter, die nach Schlesien umgesiedelt worden waren, in die Arme zu schließen. »Auf der Rückreise in die Heimat sah ich Maisy wieder«, schrieb Maggy Moes-Offermann, die gleichfalls dank der norwegisch-schwedischen Rettungsaktion nach Schweden gelangt war. »Ich erkannte sie fast nicht wieder, denn sie war abgemergelt bis auf die Knochen.«

Maus Demuth kam Anfang Juli 1945 in Luxemburg an und verstarb wenige Wochen später, am 5. August 1945. Sie war 39 Jahre alt.

Die überlebenden ehemaligen Häftlinge hatten ihren toten Kameradinnen ein Versprechen gegeben: von ihren Leiden, ihrem Tod und ihrem Kampf zu erzählen, damit Krieg und Faschismus nie wieder entstehen können. 70 Jahre nach jenen Ereignissen hat dieser Schwur nichts an Aktualität eingebüßt.

Ali Ruckert

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek vom 5. August 2015