Artikel

Zum 90. Geburtstag von Fidel Castro

»Die Würde des Menschen wächst, wenn er etwas für die anderen tut.«

Schriftgröße fontsizedown
fontsizeup

E-mail

Drucken Drucken

Vergrößern

12/08/2016

Fidel Castro gehört zu den Menschen, die Bertolt Brecht unentbehrlich nannte, weil sie ihr Leben lang kämpfen. Dies ist auch Fidels erklärter Anspruch an sich selbst. Im Bewußtsein seiner nachlassenden Kräfte versicherte er bereits vor mehr als einem Jahr in einem Brief an die Mitglieder des Studentenverbandes FEU, er werde »bis zum letzten Atemzug weiterkämpfen«.

Doch noch ist dieser Moment nicht gekommen. Der Comandante en Jefe begeht heute seinen 90. Geburtstag. Er hätte nie gedacht, daß er dieses Alter erreichen werde, gestand Fidel Castro vor vier Monaten, in seiner kurzen Rede auf dem VII. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas. »Es geschieht nicht als Ergebnis einer Anstrengung, es ist reiner Zufall«, fügte er hinzu. Das mag – angesichts der kaum zu zählenden Anschläge auf ihn – zutreffen.

Sein Lebensweg ist jedoch keinesfalls ein Ergebnis des Zufalls, sondern das einer bewußten Entscheidung, die er selbst mit einem Zitat des kubanischen Nationalhelden José Martí begründet: »Der wahrhaftige Mensch schaut nicht, auf welcher Seite man besser leben kann, sondern welcher Seite man verpflichtet ist.«

Viele, die im Elend leben, haben keine Wahl, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Fidel Castro hatte sie. Fidel ergriff Partei für diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite leben. Er widmete sein individuelles Schicksal kompromißlos dem Einsatz für die Beseitigung gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen, wie Karl Marx es formulierte, »der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Um dieses Lebensziel geht es ihm in Kuba, in Lateinamerika, in Afrika und dem Rest der Welt. Wie sein Vorbild, der Pädagoge und Schriftsteller José Martí, einst mit Feder und Machete für die Unabhängigkeit Kubas stritt, kämpfte Fidel mit dem Gewehr und später – wie bereits zu Beginn – wieder mit der Kraft seiner Worte für die Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung.

Dabei ging es ihm nicht um die Durchsetzung individueller Interessen oder Eitelkeiten, wie bürgerliche Historiker und Medien ihm gern unterstellen. Die hätte der begabte junge Anwalt auf andere Weise befriedigen müssen, als durch seine Positionierung im unerbittlichen Klassenkampf. Fidel, der im Brief an den Studentenverband noch beinahe scherzhaft geschrieben hatte, er sei »auf wundersame Weise dem Reichtum entkommen«, lobte auf dem Parteitag im April »das Privileg, Revolutionär zu sein, was das Ergebnis unseres eigenen Bewußtseins ist«.

Auf der Seite des Volkes

Ohne dieses Bewußtsein wäre Fidel Castros Weg anders verlaufen. »Ich war kein Arbeiterkind, noch fehlte es mir an materiellen und sozialen Ressourcen, um ein relativ bequemes Leben zu führen«, bekennt er selbst. Von seinem Vater Ángel Castro Argiz, der es vom armen Einwanderer aus Galizien zum wohlhabenden Gutsbesitzer gebracht hatte, war Fidel auf die besten Jesuitenschulen des Landes geschickt worden. Dort lernte er die Schriften der griechischen Philosophen aber auch die der lateinamerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar und José Martí kennen.

Nach einem glänzenden Abschluß an der Universität von Havanna entwickelte der junge Fidel sich zu einem talentierten Anwalt. Zugleich engagierte er sich in der Protestbewegung gegen den von Washington gestützten Diktator Fulgencio Batista. Außer den Schriften Martís studierte auch die von Marx, Engels und Lenin. »Ich konnte auf die bürgerlichen Wunschträume verzichten, deren Tentakel es schafften, viele Studenten zu umschlingen«, schrieb er später in seinem Brief an die FEU. Da war seine Erkenntnis, daß die Verhältnisse nur durch den bewaffneten Kampf zu ändern seien, bereits gefestigt.

Fidel Castro tauschte die elegante Kleidung des Anwalts gegen die olivgrüne Felduniform. Zu seinem einzigen Schmuck wurde ein fünfzackiger Stern, das Symbol des Befreiungskampfes der Guerilleros. Der von ihm angeführte Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953 scheiterte zwar militärisch, gilt aber dennoch als Startsignal für die kubanische Revolution. Im anschließenden Prozeß gegen die überlebenden Rebellen wurde Fidel Castro vom Angeklagten zum Ankläger, sein Schlußplädoyer »Die Geschichte wird mich freisprechen« zu seiner vielleicht berühmtesten Rede.

Nicht der Sturm auf die Kaserne sei unbegreiflich, hielt er den Richtern entgegen: »Unbegreiflich ist, daß Kinder ohne ärztliche Hilfe sterben, daß dreißig Prozent unserer Landbevölkerung nicht ihren Namen schreiben kann und …, daß die meisten Familien auf dem Lande unter schlechteren Bedingungen leben als die Indianer, die Columbus traf, als er das schönste Land entdeckte, das Menschenaugen je gesehen haben.«

In dieser Rede skizzierte Fidel Castro bereits in Grundzügen ein politisches Programm für die Zeit nach der Revolution, an deren Erfolg er nie zweifelte. Nach Gefängnis und Amnestie formte Fidel im mexikanischen Exil mit seinem jüngeren Bruder Raúl, dem argentinischen Arzt Ernesto »Che« Guevara und anderen Gefährten den Kern der Guerilla, die nach Kuba übersetzte und – unterstützt von den Bewegungen der Arbeiter, Bauern und Studenten – die Diktatur innerhalb von zwei Jahren in die Knie zwang. Kurz vor Beginn des Jahres 1959 plünderte Batista die Staatskasse und floh außer Landes. Fidel Castro zog wenige Tage später an der Spitze der siegreichen Rebellenarmee unter dem Jubel der Bevölkerung in Havanna ein. Auf die revolutionäre Beseitigung der bisherigen Macht folgte ein langwieriger Prozeß der Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung

Außergewöhnliche Leistung

Der Krieg der Guerilleros in der Sierra Maestra war so wenig romantisch wie die heutige Realität im sozialistischen Kuba. Der Lohn Fidel Castros und der anderen Aufständischen bestand nicht in materiellen Beutestücken, sondern in der Gewißheit, daß das Volk zum ersten Mal in der Geschichte die Chance bekam, mit Würde in einem unabhängigen und souveränen Land zu leben. So wie José Martí es erträumt hatte, wurden die Entscheidungen über Kubas Zukunft seit dem 1. Januar 1959 nicht mehr in Washington, sondern in Havanna gefällt. Das hat der mächtige Nachbar im Norden den kubanischen Revolutionären und ihrem Anführer Fidel Castro nie verziehen.

Angesichts der militärischen und wirtschaftlichen Stärke des Feindes schienen die Chancen der ressourcenarmen, ausgebluteten und armen Insel, nur neunzig Meilen vor der Küste der Vereinigten Staaten gelegen, gleich Null. Doch Fidel Castro blieb stur und überzeugte Millionen Zuhörer auf dem Platz der Revolution davon, daß die Waffen der Moral stärker sein werden als die Militärmaschinerie des Gegners, deren Drohpotential durch eine Haßpropaganda globalen Ausmaßes verstärkt wurde. Tatsächlich konnten die Waffen und Millionen der Mächtigen in Washington nichts gegen die zähe Widerstandskraft des kubanischen Volkes ausrichten.

Trotz einer von der CIA initiierten Invasion in der Schweinebucht, der umfangreichsten und längsten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade die je über ein Land verhängt wurde und aus Miami organisierter Terrorakte gelang der Aufbau des neuen Staates. Fidel Castros – in seiner Moncada-Rede bereits skizzierten – Vision einer gesellschaftlichen Ordnung, in der soziale Sicherheit, das Bildungssystem, die Gesundheitsversorgung und eine Basisausstattung mit den notwendigsten Lebensmitteln auch für die ärmsten Bürger garantiert ist, wurde umgesetzt.

Mit einer ungeheuren Anstrengung gelang die Alphabetisierung des bis dahin unterentwickelten Landes. In entlegenen Bergdörfern konnten Jugendliche erstmals zur Schule gehen, wurden Kindergärten und Krippen für die Kleinsten und Polikliniken eingerichtet, Landärzte versorgten die Menschen. Mittlerweile gehört Kuba zu den Ländern mit dem besten Bildungsstand, der höchsten Lebenserwartung und der niedrigsten Kindersterblichkeit des Kontinents. Gleichzeitig erfolgte der Aufbau einer Produktion, einer Landwirtschaft und eines Dienstleistungssektors, die nicht mehr fremden Kapitalinteressen dienen sollten.

Organisationen einer Zivilgesellschaft wie die Gewerkschaften und die Verbände der Frauen, der Jugend, der Studenten, der Kleinbauern, der Schriftsteller und Journalisten – die unter Batista und den meisten seiner Vorgänger teils verboten, teils verfolgt waren – wurden gegründet. Über all dem schwebte ständig das Damoklesschwert einer militärischen Aggression der USA. Fidel Castros Bruder Raúl, dem jüngsten Verteidigungsminister der Welt, fiel die Aufgabe zu, mit den von ihm aufgebauten Streitkräften, den »Fuerzas Armadas Revolucionarias« und den Milzen die Verteidigung des Landes zu sichern. Wer hätte damals – angesichts der Drohungen des mächtigsten Landes der Welt, seiner Blockade und der Millionen für Programme zum Regime-Change – gedacht, daß Fidel Castro seinen 90. Geburtstag in einem Land begehen würde, das nach wie vor unabhängig und souverän ist und heute über mehr als fünfzig angesehene Hochschulzentren verfügt, wo es 1945 – als Fidel sich an der Universität von Havanna einschrieb – in ganz Kuba nur eine einzige Universität gab.

Der Aufbau einer dem Volk dienenden neuen Ordnung unter diesen schwierigen Bedingungen war eine außergewöhnliche Leistung. Zu ihr waren nur Menschen fähig, die ihr Leben – wie Fidel Castro – der Beseitigung von Ausbeutung, Ungleichheit und Unwissenheit gewidmet haben. Sicher, es gab dabei Unterstützung von der Sowjetunion, der DDR und anderen befreundeten Ländern. Doch Kuba und Fidel Castro kämpften auch nach dem Ende des Sozialismus in Osteuropa weiter und verteidigten die Errungenschaften der Revolution.

Doppelmoral der Gegner

Castros Gegner können die Erfolge der revolutionären Umgestaltung in Kuba nicht leugnen. Um sie zu schmälern verweisen sie, wie etwa ein großes deutsches Nachrichtenmagazin in einem aus Anlaß von Fidels Geburtstag erschienenen Sonderheft, auf die von ihnen ausgemachten Defizite. »Einiges ist ihm (Fidel Castro, VH) gelungen, die Alphabetisierung der Bevölkerung etwa und eine Basis-Gesundheitsversorgung für alle. Politische und bürgerliche Freiheiten blieben dabei jedoch auf der Strecke. Demokratisch geht es bis heute nicht zu im sozialistischen Reich der Castros…«.

Der sorgsam gewählte Begriff »blieben … auf der Strecke« unterstellt, daß Kuba vor »den Castros« ein Land der politischen und bürgerlichen Freiheiten war. Erziehung, Bildung, Gesundheit, niedrige Kindersterblichkeit, Schutz vor Miethaien und marodierenden Banden werden reduziert und als »Lieblingsthemen« Fidel Castros abgetan. Die Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheit erscheinen aus dieser Weltsicht eher banal.

»Fehlende Demokratie« ist dagegen ein absolutes »Muß« jeder Konzernmedien-Berichterstattung über Kuba. Die gleichen Ansprüche gelten nicht für Mexiko, Kolumbien, Honduras, Guatemala, Paraguay und der andern Länder des Kontinents, in denen Tausende Oppositionelle von Polizei, Armee und Todesschwadronen verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Die Regierungen dieser Länder erhalten einen Bonus, weil sie die Interessen der Mächtigen nicht stören. Fidel stört sie und hat sie immer gestört, in Kuba, in Afrika, in Lateinamerika und der übrigen Welt.

Fidel Castro hat sich – aus einen klaren Klassenstandpunkt heraus – häufig zu Fragen des bürgerlichen Demokratiekonzepts geäußert. Dem brasilianischen Dominikaner und Befreiungstheologen Frei Betto sagte er Ende Mai 1985 in den berühmten »Nachtgesprächen«: »Ich erinnere mich, daß wir von der Demokratie Athens sprachen, deren Volk sich auf dem Marktplatz versammelte, um die politischen Probleme zu besprechen. Wir bewunderten das.« Später habe er jedoch begriffen, »daß es eine kleine Gruppe von Aristokraten war, die sich auf dem Marktplatz traf, um Entscheidungen zu treffen, und daß es außer ihnen eine bedeutende Masse von Bürgern gab, die jeglicher Rechte beraubt waren«. Schließlich habe es noch die große Menge der Sklaven gegeben.
Die Athener Demokratie, sagte Fidel, erinnere ihn »sehr an die kapitalistische Demokratie heute«. Mit der Abgabe ihrer Stimme für eine Partei, die nicht an ihre Zusagen vor der Wahl gebunden sei, habe sich die Möglichkeit einer Einflußmöglichkeit der Bürger auf die Politik meist erledigt. In seinem Brief an den Studentenverband griff Fidel den Gedanken im Januar 2015 wieder auf: »Griechenland war ein Land, in dem die Sklaven die schwersten Arbeiten … verrichteten, während eine Oligarchie sich dem Schreiben und Philosophieren widmete.« Unter tatsächlicher Demokratie – wie unter der Revolution – versteht Fidel einen permanenten Prozeß der ständigen Beteiligung, mit Erfolgen, mit Irrtümern, der Möglichkeit, diese zu korrigieren und in gleicher Weise an neue Probleme heranzugehen.

Kubas Art von Atomwaffe

Als Revolutionsführer hat Fidel Castro die Geschichte verändert. Er hat die Vergnügungsinsel, die bis dahin den Reichen als Bordell und Spielcasino diente, in einen selbstbewußten Akteur der Weltpolitik verwandelt. Das Ende der Apartheid in Südafrika wurde mit dem Einsatz kubanischer Soldaten in Angola eingeleitet. Viele Kubaner haben ihr Leben im Krieg gegen das Rassistenregime verloren. Außer bei der weißen »Herrenrasse«, die wie Batista in Kuba durch Fidels Zutun ihre Macht einbüßte, wird sein Name auf dem Kontinent überall mit Respekt und Dankbarkeit genannt.

Der Comandante en Jefe hat die Bewegung der Blockfreien ebenso inspiriert wie später den Integrationsprozeß Lateinamerikas. Gemeinsam mit dem verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez entwickelte Fidel Castro das Konzept der vor zwölf Jahren gegründeten »Bolivarianischen Allianz für die Völker unseres Amerikas« (ALBA), eines lateinamerikanischen Staatenbundes der eine soziale Verpflichtung des Handels, Zusammenarbeit in den Bereichen Gesundheit und Bildung, den Aufbau eines solidarischen Bank- und Finanzsystems, industrielle Kooperationen sowie Projekte im Kommunikations- und Medienbereich« zum Ziel hat.

Der Gründung der ALBA folgte im Februar 2010 – ebenfalls auf ein Konzept Fidel Castros zurückgehend – die Konstituierung der »Lateinamerikanischen und Karibischen Staatengemeinschaft« (CELAC). Diese Organisation – eine Alternative zur 1948 von den USA initiierten und dominierten OAS – besteht aus allen 33 Mitgliedsländern Lateinamerikas und der Karibik. Erstmals blieben die nicht dazu gehörenden Staaten USA und Kanada außen vor. Ein weiterer Erfolg des Comandante en Jefe.

Doch Fidel Castro ist ein Unermüdlicher. Seit Jahren warnt er, wie im November 2005 in seiner berühmten Rede vor Studenten der Universität von Havanna: »Ich glaube, daß die Menschheit heutzutage in realer und wirklicher Gefahr des Aussterbens schwebt.« Als Gründe dafür nannte er auf dem Parteitag im April 2016 die »zerstörerischen Macht der modernen Waffen«, begrenzte Ressourcen von Trinkwasser und zunehmende Ungleichheit in der Welt. Kuba, so hatte er bereits 2005 erklärt, habe sich nie die Produktion von Atomwaffen vorgenommen, weil es derartige Waffen nicht brauche. »Wir widmen unsere Ressourcen«, so Fidel weiter, der Entwicklung von »Waffen, um den Tod zu bekämpfen, um AIDS zu bekämpfen, um Krankheiten zu bekämpfen, um Krebs zu bekämpfen«.

Trotz US-Blockade und aller eigenen Schwierigkeiten engagiert sich die sozialistische Insel nach dem Motto »Solidarität heißt nicht, zu geben, was übrig ist, sondern zu teilen, was fehlt«. Viele Projekte wurden von Fidel Castro selbst initiiert. So behandeln Zehntausende kubanische Mediziner Menschen in mehr als sechzig Ländern und den ärmsten Regionen der Welt. Durch das kubanische Hilfsprogramm »Misión Milagro« wurden bereits Millionen vor dem Erblinden bewahrt, zigtausende Kranke nach Kuba geflogen und dort kostenlos behandelt. Havanna fördert zudem die Ausbildung ausländischer Ärzte und Spezialisten im Gesundheitswesen. Junge Menschen aus Staaten, in denen ein Medizinstudium vor allem den Angehörigen der Oberschicht vorbehalten ist, erhalten in der am 15. November 1999 auf Initiative Fidel Castros gegründeten Lateinamerikanischen Hochschule für Medizin (ELAM) Studienplätze und Stipendien. Nach Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika starrte die wohlhabende »westliche Staatengemeinschaft« noch wie das Kaninchen auf die Schlange, als Havanna bereits Hunderte freiwillige Helfer in die Region geschickt hatte.

Auch die Geißel des Analphabetismus wurde dank Kubas Hilfe erfolgreich bekämpft. Mit dem Programm »Yo sí puedo« (Ja, ich kann es) lernten Millionen Menschen in aller Welt Lesen und Schreiben. »Wir besitzen eine andere Art von Atomwaffe«, sagte Fidel und verwies auf die Kraft der Solidarität und der Ideen. Fidel forderte 2005 vor den Studenten eine »Ideenschlacht auf Weltebene«. Und er prophezeite: »Die Ideen werden siegen!« In der Tat könnte Kubas Beispiel dazu führen, daß immer mehr Menschen in der Welt sich fragen: Wenn ein so kleines, ressourcenarmes und blockiertes Land wie Kuba zu derartigen humanitären und sozialen Leistungen imstande ist, warum dann nicht die wohlhabenden, angeblich entwickelten Länder?

Von der Geschichte längst freigesprochen

Nach Barack Obamas Rede am 22. März im Großen Theater von Havanna wies Fidel dessen – wie er es nannte – in »honigsüße Worte« verpackte Aufforderung zurück, die Kubaner sollten ihre Vergangenheit vergessen. Bei diesen Worten, so der Comandante, lief »jeder von uns Gefahr, einen Herzinfarkt zu bekommen«. Er wolle dem USA-Präsidenten einen »bescheidenen Vorschlag« unterbreiten, schrieb Fidel und empfahl Obama, »daß er reflektiert und jetzt nicht versucht, Theorien über die kubanische Politik zu entwickeln«.

Auf dem VII. Kongreß der Kommunistischen Partei Kubas schlug Fidel Castro im April dann nachdenkliche Töne an: »Vielleicht ist es das letzte Mal, das ich in diesem Saal spreche«, erklärte er vor den betroffen schweigenden Delegierten. Fidel sprach ruhig und ernst, doch ohne Wehmut. »Bald wird es mir ergehen, wie allen anderen. Alle kommen wir an die Reihe, aber die Ideen der kubanischen Kommunisten bleiben.« Das waren nicht – wie bürgerliche Medien triumphierend kommentierten – die Worte eines »sterbenden Dinosauriers«. Aus Fidels Rede sprach der Optimismus eines lebenslangen Kämpfers, der von der Kraft der Ideen überzeugt ist, die sich entfaltet, wenn diese zur kollektiven Gegenwehr führen.

Bei einer Biographie wie der Fidel Castros ist ein wenig Pathos erlaubt: »Ich werde mein ganzes Leben lang kämpfen, bis zur letzten Sekunde und solange ich den Verstand hierzu besitze, um etwas Gutes, etwas Nützliches zu tun«, hatte er bereits 2005 zu den Studenten an seiner alten Universität gesagt. Dann fügte Fidel hinzu, was zur Maxime seines Lebens wurde: »Die Würde des Menschen wächst, wenn er etwas für die anderen tut.«

Von der Geschichte längst freigesprochen, beweist Fidel Castro jeden Tag aufs Neue, daß es den Menschen möglich ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Welt nach den eigenen Vorstellung zu verändern und zu gestalten.

Für dieses Beispiel erweisen ihm die Verlassenen, die Ausgebeuteten, Erniedrigten, Unterdrückten, kurz die Verdammten dieser Erde heute in aller Welt respektvoll ihren Dank und wünschen: »¡Felicidades Comandante!«

Volker Hermsdorf

Mit Raúl Castro (l.) in der Sierra Maestra, 14. März 1957